New Work in der Medizin – Eine Rezension

Vielleicht habt ihr jetzt im Sommer ein bisschen Zeit zum Lesen. Dann möchte ich euch gerne ein besonderes Buch ans Herz legen: „New Work in der Medizin“ von Vera Starker (Wirtschaftspsychologin und Co-Founderin des Berliner Think Tanks Next Work Innovation), David-Ruben Thies (Pflegefachkraft und CEO der Waldkliniken) und Mona Frommelt (Ärztin und Vorständin der Hans Weinberger Fachakademie für Pflegefachkräfte der AWO).

Ein Buch von Expert*innen

Einer der häufigsten Sätze, die ich während meiner Tätigkeit im Krankenhaus gehört habe, war: „aber im Krankenhaus ist alles anders. Das geht hier nicht.“ Wer das Buch New Work in der Medizin gelesen hat, wird nicht umhinkommen, festzustellen, dass die Autor*innen sehr genau wissen wovon sie sprechen. Sie kennen die Organisationsform, die Strukturen und die Abläufe. Dieser Satz, der vielleicht manchmal auch Ausdruck der Hilflosigkeit angesichts der schwierigen und fordernden Situation in Krankenhäusern sein mag, verliert so an Bedeutung.

Beim Lesen des Buches New Work in der Medizin ist bei jedem Satz erkennbar, dass es von Expert*innen geschrieben wurde, die die Abläufe im Krankenhaus genau kennen. Klick um zu Tweeten

Der Ernst der Lage

Der Ernst der Lage ist uns allen schon lange bewusst. Durch Corona wurde es nochmal deutlicher. Auch im ersten Kapitel dieses Buches werden sämtliche Studien nochmal zusammengefasst, die verdeutlichen, warum es ein „weiter so“ nicht geben sollte und eigentlich auch nicht geben kann. „Wir wissen, dass 2030 circa 500.00 Pflegekräfte fehlen werden“ (Christine Vogler, Präsidentin des deutschen Pflegrats, vgl. S. 20). Im internationalen Vergleich gibt Deutschland sehr viel Geld für sein Gesundheitswesen aus und erzielt trotzdem keine vergleichbaren positiven Ergebnisse wie z.B. in den Niederlanden. Gleichzeitig verdeutlichen die Autor*innen, dass durch die starke Fokussierung auf die Probleme, nicht hilfreiche Schuldzuweisungen und Ohnmacht entstehen. Dieses Buch will lösungsorientiert sein und alle in die Verantwortung nehmen. Sätze wie „Jede Berufsgruppe vertritt ihren (Opfer-)Diskurs“ (vgl. S. 9) sollen aufrütteln. Bei all der berechtigen Kritik an der Politik und dem DRG-system, haben wir sehr wohl Einfluss darauf wie wir zusammenarbeiten und welche Prozesse wir in unserer Organisation leben wollen.

Ich habe mich in der Vergangenheit schon öfter gefragt, warum sich eigentlich nichts ändert, wenn die Problematik so offensichtlich ist. Die Antwort der Autor*innen lautet: „Weil es – würde man es richtig machen – dem jetzigen Gesundheitssystem an den Kragen gehen würde.“ (vgl. S. 42). Damit sind ganz konkret Profiteure und Lobbyisten gemeint, die immer wieder intervenieren, wenn es zu wesentlichen Veränderungen kommen soll. Sie regeln, dass das System gerade stabil genug läuft, auch wenn das eine Stabilität am Limit bedeutet.

„Welchen Wert hat die Gesundheit von Menschen, die in einem Krankheitssystem arbeiten? Diese Frage sollte für uns alle zentral sein.“ (vgl. S. 40)

Der Kern des Buches

Das Ziel des Buches ist es, die Frage zu beleuchten, „wie unser Gesundheitssystem aufgebaut sein muss, um gute, selbstwirksame und gesunde Arbeit für Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte und alle anderen Gesundheitsberufe zu ermöglichen und inwieweit New-Work-Prinzipien diese Transformation unterstützen können.“

Wie muss unser Gesundheitssystem aufgebaut sein muss, um gute, selbstwirksame und gesunde Arbeit für Gesundheitsberufe zu ermöglichen? Das Buch New Work in der Medizin zeigt auf wie es gehen könnte. Klick um zu Tweeten

Diesem Ziel widmen sich die Autor*innen gewissenhaft auf hohem fachlichen Niveau mit vielen schönen Beispielen und Inspiration aus der Praxis. Zunächst wird sich das bestehende Gesundheitssystem nochmal genau angeschaut. Stichworte sind hier u.a.:

  • Profitorientierung,
  • Hierarchie der Berufe,
  • Fragmentierung der Arbeit und
  • emotionale Erschöpfung.

In den Kapitel New-Work-Utopie wird u.a. über

  • die Struktur,
  • die Finanzierung,
  • die Qualität und
  • auch das Menschenbild

gesprochen.

Im Anschluss stellen die Autor*innen  ihre sieben Prinzipien des New-Work-Modell für die Medizin vor. Wichtig ist hierbei, dass es sich um Prinzipien handelt, nicht um eine Kopiervorlage, die in der eigenen Organisation 1:1 umgesetzt werden kann. Jedes Prinzip endet mit der Auflistung prototypischer Ansätze und der Einladung, diese in der eigenen Arbeitspraxis mal auszuprobieren.

Das Buch New Work in der Medizin stellt in ihrem Modell sieben Prinzipien mit prototypischen Ansätzen vor. Klick um zu Tweeten

Als Inspiration greife ich drei Prinzipien mit jeweils einem prototypischen Ansatz heraus.

  • Prinzip Selbstorganisation: Einer von sechs vorgeschlagenen prototypischen Ansätzen ist der Vorschlag, Design Thinking Teams zu bilden, die mit Patient*innen und dem Gesundheitspersonal Prozessredundanzen identifizieren und eliminieren.
  • Prinzip Kooperation der Professionen: Einer von fünf vorgeschlagenen prototypischen Ansätzen ist, die psychologische Sicherheit im Team zu messen.
  • Prinzip der partizipativen Hierarchie und der hybriden Führung: Einer von zehn vorgeschlagenen prototypischen Ansätzen ist, die Einführung von Führungskompetenzmodellen und darauf basierende Auswahlverfahren zukünftiger Führungskräfte.

Fazit

Mich hat besonders die Kombination aus Expertise über die Organisation, die Verdeutlichung der Notwendigkeit eines Wandels und die Lösungsorientierung beeindruckt. Die Gesundheitsbranche gehört zu den Branchen in der in Deutschland mit die meisten Menschen arbeiten. Das ganze Buch ist der/dem Leser*in sehr zugewandt. Ich habe jedes Mal geschmunzelt, wenn ich sinngemäß las, „falls Sie sich gerade dabei ertappen, dass das aber in einem Krankenhaus nicht geht…“. Hier bot sich für jede*n engagierte*n Leser*in die Möglichkeit, die eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen.

Ich durfte Vera schon in zwei und David in einem Vortrag im Rahmen der New Work im Krankenhaus Community erleben.  Für die positiven Geschichten und Beispiele, die sie teilen, bin ich sehr dankbar. Ich habe durch sie den hypnosystemischen Ansatz kennengelernt und angefangen zu vertiefen. Abschließend noch zwei wichtige Statements aus dem Buch:

„Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ WHO (vgl. S. 13)

„Solange betriebswirtschaftliches Denken dazu dient, eine indizierte Maßnahme möglichst wirtschaftliche und effektiv umzusetzen, ist es geboten. Der Rubikon ist überschritten, wenn ökonomisches Denken zur Erlössteigerung die medizinische Indikationsstellung beeinflusst.“ Dr. med Dr. phil. Urban Wiesing (vgl. S. 11)

Ich wünsche euch einen schönen Sommer und freue mich über jede*n, der/die sich nach dem Lesen des Buches mit mir austauschen sowie gemeinsam an der Umsetzung in der Praxis arbeiten möchte. In diesem Sinne: Happy Reading!

Starker, Vera; Thies David-Ruben; Frommelt, Mona: New Work in der Medizin. Wie uns die Utopie gelingen kann! Rossberg. 2022

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