Gemeinsam sichtbar und stark – vom notwendigen Kulturwandel im Gesundheitswesen

Dies ist mein Beitrag zur Blogparade von Constanze Zeller (www.zukunftsherz.de)

Seit gut 1,5 Jahren bin ich nun in der Gesundheitsbranche tätig. In einem Klinik-Konzern mit 10 Standorten und 7500 Mitarbeitenden in regionaler Trägerschaft. 1,5 Jahre sind bei weitem noch nicht genug, um diese Branche in aller Tiefe zu verstehen, es ist jedoch genug, um mich über einiges zu wundern und ein paar Fragen zu stellen. Ich habe angefangen mich zu informieren, mir das Abrechnungssystem für Krankenhäuser erklären lassen, mich auf Twitter mit Ärzten vernetzt, den Film „Der marktgerechte Patient“ angesehen und was ich nach und nach herausfinde, ist erschreckend. Das was im Gesundheitssystem vorzufinden ist, erinnert mich stark an das berühmte Gefangenendilemma und damit meine ich nicht, dass die im System arbeitenden Menschen kriminell sind.

Das Wertedilemma

„Das Gefangenendilemma“  ist ein mathematisches Spiel aus der Spieltheorie. Es modelliert die Situation zweier Gefangener, die beschuldigt werden, gemeinsam ein Verbrechen begangen zu haben. Die beiden Gefangenen werden einzeln verhört und können nicht miteinander kommunizieren. Leugnen beide das Verbrechen, erhalten beide eine niedrige Strafe, da ihnen nur eine weniger streng bestrafte Tat nachgewiesen werden kann. Gestehen beide, erhalten beide dafür eine hohe Strafe, wegen ihres Geständnisses aber nicht die Höchststrafe. Gesteht jedoch nur einer der beiden Gefangenen, geht dieser als Kronzeuge straffrei aus, während der andere als überführter, aber nicht geständiger Täter die Höchststrafe bekommt.“ (Quelle Wikipedia)

Menschen erlernen den Beruf des Arztes oder der Fachpflegekraft, um anderen Menschen zu helfen und müssen dann rausfinden, dass sie diese Werte nur bedingt leben können, denn der ökonomische Wert der Patientenbehandlung spielt immer eine Rolle. Dass vor diesem Hintergrund die Zusammenarbeit leidet, Menschen sich entscheiden, auszusteigen und sogar Konkurrenz entsteht, ist kein Wunder. Umso glücklicher und erfreuter bin ich, wenn ich beobachte, dass sich immer mehr Menschen versuchen einzubringen und auch solche Blogparaden starten wie Constanze diese zur Kulturveränderung. Ich bewundere alle Ärzte und Pflegekräfte, die trotz ihres stressigen Alltags noch die Energie aufbringen zu versuchen, das System zu ändern.

Zusammenarbeit und ein gesellschaftlicher Auftrag

In den einzelnen Häusern brauchen wir eine Kultur der Zusammenarbeit und Wertschätzung. Das Konkurrenzdenken, welches durch die Einführung der DRG gestärkt wurde, muss bekämpft werden. Denn tun wir das nicht, bleiben wir nach wie vor in unserem Gefangendilemma stecken.  Es wird dann weiterhin so bleiben, dass es Häuser gibt, die wirtschaftlich enorm von der Situation profitieren und andere, die die Höchststrafe aussitzen müssen, denen noch mehr Personal und noch mehr finanzielle Mittel gestrichen werden. Ich bin der Meinung alle müssen diese aktuelle Last gemeinsam tragen, weil wir einen gesellschaftlichen Versorgungsauftrag haben. In einem tollen Vortrag habe ich neulich dazu diese Aussage gehört:

Doch es nützt nichts, zu meckern, der Politik oder dem Fachkräftemangel die Schuld in die Schuhe zu schieben. Jeder einzelne, ob er im Gesundheitssystem arbeitet oder nicht, sollte sich dafür einsetzen, dass hier eine Kehrtwende eintritt. Mich hat in letzter Zeit besonders das Video „What we share“ berührt. Es zeigt mir, es gibt kein: wir und die. Keine privaten und öffentlichen Kliniken, keine Ärzte und Pflegekräfte, keine Gesellschaft und Politik. Wir haben alle Schnittmengen und Gemeinsamkeiten. Diese gilt es zu erkennen und nach ihnen zu handeln.

Storytelling und Sichtbarkeit für die Gesundheitsbranche

Was braucht es, um sich aus dieser Situation zu befreien? In der Branche allgemein, glaube ich, dass es noch mehr öffentliche Wahrnehmung braucht. Wir brauchen Geschichten, die erzählt werden wie der Krankenhaus-Alltag aussieht, mit allen guten und weniger guten Seiten. Wir müssen die Menschen erreichen, dass sie sich für ein funktionierendes Gesundheitssystem einsetzen und dadurch die Politik zwingen ihren Kurs zu überdenken. Wir brauchen dafür aber in den Krankenhäusern mehr Menschen, die bereit sind, sichtbar zu werden und neben ihrem anstrengenden Job, ihre Geschichte erzählen. In Zeiten der Digitalisierung muss das über Social Media passieren. Hier verweise ich gerne auf den Blogbeitrag von Doppeltspitze.

Mein Beitrag

Prozesse werden von Menschen gelebt und Zusammenarbeit passiert durch Menschen. Wenn wir irgendwie aus dieser prekären Situation herauskommen wollen, wenn wir irgendetwas ändern wollen, bleibt uns meiner Meinung nach im Gesundheitswesen gar nichts anderes übrig als uns zusammen zu schließen, die Silowände einzureißen und auf Augenhöhe zu sprechen. Die Personaldecke ist unglaublich knapp und wir dürfen uns einfach keine zusätzliche Arbeit damit machen, dass wir umständliche, veraltete Prozesse leben, dass wir unnötige Hierarchie-Schleifen für Entscheidungen drehen und unser Wissen nicht teilen. Kulturwandel ist allerdings Verhaltensänderung. Damit können wir uns nicht zurücklehnen und warten bis irgendwer entscheidet etwas zu ändern, sondern die Veränderung beginnt in unserem eigenen Verhalten. Die Frage muss lauten, welchen Beitrag kann ich leisten?

Mein Beitrag zum Kulturwandel im Krankenhaus ist, nicht Missionieren oder Überzeugen. Mein Beitrag ist, Vorbild zu sein und Fragen zu stellen. Daher freue ich mich sehr, dass mein Engagement auch bereits so wahrgenommen wird.

Folgende Fragen möchte im Rahmen dieser Blogparade in den Raum stellen und die gehen alle etwas an:

  • Liebes Gesundheitswesen, warum musste es erst zu diesem eklatanten Fachkräftemangel kommen bis ihr erkannt habt, dass es so nicht weitergehen kann?
  • Liebes Gesundheitswesen, warum sind in einer Branche, in der Menschen ursprünglich mal begonnen haben zu arbeiten, um anderen Menschen zu helfen, Macht und Hierarchien so wichtig und präsenter als in jeder anderen Branche, die ich bisher kennengelernt habe?
  • Liebes Gesundheitswesen, da wir ja nun in diese prekäre Lage gekommen sind, wie können wir da konzeptionell und strategisch drangehen, um diese Problematik gemeinsam zu lösen und unseren Auftrag als gesellschaftlichen Versorgungsauftrag anerkennen und nicht als Kampf des Überlebens auf Kosten des Gemeinwohls?

Ich bin dankbar für meine Tätigkeit in einem kommunalen Krankenhaus. Sie hat mir die Augen geöffnet über die prekäre Situation im Gesundheitswesen, die mir vorher gar nicht bewusst war. Außerdem   bin ich dankbar dafür, Teil eines Konzerns zu sein, in dem inzwischen viele Initiativen laufen, um in den oben genannten Dingen besser zu werden. Ich darf beim Wandel und bei der Veränderung dabei sein und darf meine Expertise einbringen und wirklich einen Unterschied machen.

Außerdem bin ich dankbar dafür, dass ich gemeinsam mit Constanze Zeller, Bettina Jung, Martina Koch und John Stepper, das Programm Working Out Loud für die Gesundheitsbranche weiterentwickeln darf. Ich hoffe sehr, dass ich dadurch, einen Mehrwert für diese Branche schaffen kann und den in ihr arbeitenden Menschen, Handwerkszeug mitgeben kann, Einfluss auf ihre eigene Situation nehmen zu können.

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Titelbild von freepik

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